Workshop "Orgelrestaurierung in der Praxis", ein Bericht von Friederike Thiemann

„Orgelrestaurierung in der Praxis“

Am 29. und 30.10.2018 fand in Ludwigsburg ein weiteres Mal der Kurs „Orgelrestaurierung in der Praxis“ statt.

Die Oscar-Walcker-Schule stellte ihre Räumlichkeiten zur Verfügung und Wolfgang Rehn reiste aus der Schweiz an, um als Referent sein Wissen und seine Erfahrungen mit 27 Teilnehmern aus ganz Deutschland zu teilen.

Mit Wolfgang Rehn konnte man einen der renommiertesten und erfahrensten Orgelrestauratoren für dieses Seminar gewinnen. Er arbeitete viele Jahrzehnte lang bei der Firma Orgelbau Kuhn AG in Männedorf in der Schweiz, eröffnete und leitete dort die Restaurierungsabteilung. Eine Vielzahl von Restaurierungen und Neubauten nach historischem Vorbild wurden unter seiner Leitung durchgeführt.

Die Veranstaltung wurde von Christoph Ulmer eröffnet, der im Namen des BDO alle Teilnehmer willkommen hieß.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde begann das Seminar mit der Frage „Wie erstelle ich ein Angebot für eine Restaurierung?“ beziehungsweise „Wie seriös ist die Anfrage, die ich zur Erstellung eines Restaurierungsangebots erhalten habe?“. Reagiert die Gemeinde positiv und aktiv auf genauere Nachfrage oder die Bitte um Archivarbeit?  Wenn dies der Fall ist, dann kann begonnen werden.

Schon an dieser Stelle stellte Wolfgang Rehn mit seiner offenen, herzlichen und sympathischen Art humorvoll den Unterschied zwischen „Restaurierung“ und „Restauration“ (Speis und Trank) klar und eröffnete die fiktive Versprecher-Kasse, in die tatsächlich der ein oder andere „Restaurations“-Euro gewandert wäre in den zwei Tagen Seminar.

In sehr angenehmer und strukturierter Art und Weise ging es am ersten Tag dann um die Vorarbeit, die zu leisten ist, ehe man überhaupt erst den Auftrag für das Projekt erhalten hat:

  • Welche Fragen muss ich mir als Orgelbauer stellen, wenn ich eine Restaurierung offeriere?
  • Die genaue Untersuchung der Orgel mit Bericht (so viel wie möglich herausfinden und dies wertungsfrei, klar und neutral im Aufnahmebericht erfassen)
  • Welche Gegebenheiten muss ich bei der Kalkulation besonders beachten?
  • Sich ausreichend Zeit für die Untersuchung der Pfeifen nehmen
  • Erst im letzten Teil die eigene Beurteilung einbringen, vorher nur sachliche Gegebenheiten beschreiben

All dies kostet Zeit, Geld und Arbeitsaufwand, was den Gemeinden auch mitgeteilt werden sollte. Diese Nachforschungen schaffen die Grundlage für die später auszuführenden Arbeiten.

Ist der Auftrag nun da, sollte man sich ausreichend viel Zeit bei der Demontage der Orgel nehmen, um die aktuellen Gegebenheiten genau zu erfassen: Winddruck, Stimmtonhöhe, ggf. das Experimentieren mit diesen beiden Faktoren, konstruktive Besonderheiten, das Zuordnen von Pfeifen etc. In diesem Zustand in den originalen Räumlichkeiten hat man die Orgel so schnell nicht wieder.

Am zweiten Tag folgten die Themen der Dokumentation von Restaurierungen, die Erstellung eines Restaurierungskonzepts und die Ausführungen am Objekt.

Wolfgang Rehn zeigte Fotos, erläuterte seine Vorgehensweisen und leitete viele intensive und interessante Diskussionen über Herangehensweisen und Denkweisen ein, wodurch ein ständiger Austausch unter allen Teilnehmern gegeben war und beide Tage sehr lebendig waren. Vor allem das Abwägen zwischen Substanzerhaltung und Funktionssicherheit war essentieller Bestandteil dieser Diskussionen.

Trotz der Schulferien bot sich dank des Hausmeisters die Gelegenheit, die Werkstätten der Schule zu besichtigen, was bei vielen Teilnehmern Erinnerungen an die eigene Zeit an der Oscar-Walcker-Schule hervorrief, an die sich auch gerne zurückerinnert wurde.

Für das leibliche Wohl in den Pausen, Kaffee und Getränke, Butterbrezeln und Kuchen für zwischendurch war gesorgt und am Abend des ersten Tages konnten sich alle Teilnehmer zum gemeinsamen Abendessen zusammenfinden, bei dem neue Kontakte geknüpft wurden, alte Kontakte gepflegt, Erfahrungen ausgetauscht und eine gute gesellige Zeit verbracht wurde.

Während des Seminars kam vermehrt die Frage nach dem Kurs „Restaurator im Handwerk“ auf, woraufhin Wolfgang Rehn ein Schreiben aufsetzte mit der Bitte, diesen wieder durchzuführen. Eine Reihe von Teilnehmern setzte ihre Unterschrift darunter, in der Hoffnung, dass es in Zukunft wieder möglich wird, diesen Kurs zu besuchen.

Zusammenfassend kann man sich im Namen aller Teilnehmer für das gelungene Seminar bedanken, bei Wolfgang Rehn ganz besonders, der sogar noch aufgrund der hohen Nachfrage das Thema Windladenrestaurierung mit einbrachte.

Als Schlusswort folgendes Zitat von Wolfgang Rehn:

„Als Restaurator ist es wichtig, dass man ungeachtet einer stilistischen Ausrichtung und persönlicher Präferenzen ein Werk beurteilt. Man sollte sich nicht als „Herr“ sondern als „Knecht“ der Geschichte fühlen. Die oberste Priorität ist stets, vor dem Vorgefundenen zurückzutreten, als Orgelbauer eventuellen „Verbesserungsgedanken“ zu widerstehen, aber immer bemüht zu sein, zu verstehen, was wirklich vorhanden ist, fern von jedem ideologischen Vorurteil. Dies musste als Grundlage dienen für die Bestimmung der eigentlichen, konkreten Restaurierung.“

Friederike Thiemann (Orgelbaumeisterschülerin)

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