BDO Seminar Intonation von Zungenstimmen 12./13. Januar 2018

Am 12. und 13. Januar fand in den Räumen der Firma Killinger in Freiberg am Neckar ein vom BDO organisiertes Seminar „Intonation von Zungenregistern“ statt. Zehn Teilnehmer hatten sich zusammengefunden, vom Auszubildenden im 2. Lehrjahr bis bin zum erfahrenen selbständigen Orgelbaumeister. Wie sich bei der Begrüßung herausstellte, war dieses Fortbildungsangebot bereits im Vorfeld auf eine unerwartet große Resonanz gestoßen. Der BDO traf mit dem Seminarangebot offensichtlich zielgenau das Bildungsbedürfnis zahlreicher Orgelbauer. Besonders gespannt waren deshalb die Teilnehmer des ersten Seminars zu diesem Thema.

Der kurzen und humorvollen Begrüßung durch Gastgeber Christoph Ulmer, Geschäftsführer der Firma Killinger, schloss sich ein Rundgang durch die Werkstatt an. Sehr offen wurde dabei auf alle Fragen zu Fertigungstechnologien, Arbeitsabläufen, Materialien, Beschaffungsproblemen bis hin zur Zusammensetzung der Belegschaft eingegangen. Dieser offene Umgang gab während der ganzen Veranstaltung den Ton an, wozu Christoph Ulmer ausdrücklich ermunterte. Auch über das Seminar hinaus sollten sich die Orgelbauer weniger als Konkurrenten, sondern vielmehr als Partner innerhalb ihres Berufsstandes betrachten und den Zusammenhalt zum Wohl des Fortbestands im Orgelbau-Handwerks pflegen.

Sodann berichtete der Referent, Reiner Janke, Chefintonateur der Werkstätte Freiburger Orgelbau Hartwig und Tilmann Späth OHG, zunächst von seinem persönlichen Weg zum Orgelbauer und zur Intonation. Allein diese biographischen Notizen steigerten die Neugier auf das Kommende. Die gut 40 Stichworte der gedruckten und gebundenen Materialien wurden Punk für Punkt in freiem Vortrag und mit Beispielen aus der Praxis „abgearbeitet“. Schnell stellte sich heraus, dass eine Frage aus dem Kreise der Zuhörer bereits zur nächsten Fragestellung anregte. In regen Diskussionen gesellten sich – unbeabsichtigt, jedoch zur großen Bereicherung –  zum Hauptreferenten zwei Co-Referenten.

Neben der profunden Kenntnis Reiner Jankes bildeten die immensen Erfahrungen von Christoph Ulmer und von Chefintonateur Peter Fuchs (Fa. Killinger) die Basis bereichernder  Beiträge. In Einigkeit über die Lösung eines intonatorischen Problems wurden mannigfaltige Teilaspekte aus unterschiedlichsten Blickwinkeln ausgeleuchtet. Diese Art der Auseinandersetzung mit dem „Lernstoff“ gefiel allen. Chiffren wie „Bourdonpunkt“, „Der brilliante Punkt“ oder „Kehlenschlitzbreite zu Zungenbreite“ wurden so zu spannenden Themen, von Praktikern für Praktiker vermittelt. Kein Wunder, dass die Zeit wie im Flug verging und der Gesprächsstoff in den Pausen und beim gemeinsamen Abendessen nie ausging. Freunden der Theorie bargen die Seminarunterlagen mit Mensurtabellen und einem Fachartikel „Die Wechselwirkung von Zunge und Resonator bei der Klangerzeugung in einer Zungen-Orgelpfeife“ hinreichend Materialien zur Vertiefung.

Am Samstag wurde der Lernstoff in die Praxis umgesetzt. Drei Intonierladen, Probepfeifen von Zungenregistern unterschiedlichster Bauformen sowie drei Mitarbeiter der Firma Killinger standen den Seminarteilnehmern zur Verfügung. Darüber hinaus konnten die Materialien und Werkzeuge der Werkstatt genutzt werden. Der Luxus, Zungenmaterial in feinsten Abstufungen für Versuchszwecke aus dem Regal ziehen zu können, erwies sich als sehr hilfreich für Experimentierfreudige. Weder das Glühen noch das Ausdünnen von Zungen wurden ausgespart. Das konzentrierte Arbeiten in Klein- und Kleinstgruppen bei idealem „Betreuungsschlüssel“ erwies sich als sehr vorteilhaft. Die Teilnehmer skizzierten besondere Aufgaben, auf die umfassend eingegangen werden konnte. Selbst aus dem aktuellen Schaffen einzelner Orgelbauer eingebrachte Problemstellungen stießen auf offene Ohren und reges Interesse. So widmeten sich zwei der Teilnehmer hingebungsvoll dem Nachbau einer Posaune 16‘ mit Holzkehlen und Quintbecherlängen. Die nach Expertenmeinung zuerst etwas abfällig beurteilte Quintbecherlänge mit dicken Zungen (als Teil einer denkmalpflegerischen Aufgabenstellung) forderte den Ehrgeiz heraus und mündete in ein anerkennendes „Geht doch!“

Zwischendurch gab es eindrückliche Demonstrationen der für die meisten Seminarteilnehmer bisher unbekannten Zungenaufwurf-Technik Reiner Jankes. Dabei werden die  Zungen mit dem Daumen aufgeworfen. Speziell dafür hergestellte Konturblöcke aus Holz mit eingearbeiteten Wölbungen fein abgestufter Radien bilden die Basis dafür. Selbstverständlich müssen auch hier die Zungen danach gereinigt werden. Notfalls tut dies ein 100-€- Schein, der zwischen Kehlenauflage und Zungenunterkante hindurchgezogen wird. Bei einem Auslandseinsatz, genügt auch eine 100-$-Note… Diese zur Belustigung der Teilnehmer eher anekdotischen Anmerkungen mögen die lockere Lernatmosphäre illustrieren.

Eine Auswertungsrunde schloss den Tag ab. Dem Hauptreferenten, seinen Co-Referenten und dem Veranstalter gebührt größter Dank. Perfekt organisiert, mit hohem Engagement durchgeführt und von einer heiteren Atmosphäre getragen, verließen alle Teilnehmer bereichert den Veranstaltungsort. Bleibt zu wünschen, dass weitere derartige Seminare folgen und der Bildungsdurst aller Wissbegierigen gestillt werden kann.

Andreas Hahn, Jehmlich Orgelbau Dresden

Fotos: Christoph Ulmer