Erfolgreiche gemeinsame VOD/BDO-Tagung in Speyer 02.-05. Juni 2009

Ein Bericht von Peter Mönch

Fast schon traditionell treffen sich Orgelsachverständige und Orgelbauer in dreijährigem Turnus für die Woche nach Pfingsten zur gemeinsamen Tagung. Diesmal war Speyer als Tagungsort gewählt worden, und der Einladung der Vereinigung der Orgelsachverständigen Deutschlands folgten gut 120 Tagungsteilnehmer – etwa je hälftig aus beiden Fraktionen.

Unter dem Titel ‚Klangintentionen – DER InTONateur MACHT DIE MUSIK’ hatten die beiden örtlichen Organisatoren OSV Christoph Keggenhoff und OSV Gero Kaleschke ein vielversprechendes Programm vorbereitet.
Einesteils ging es dabei um die Vorstellung der Orgellandschaft Pfalz mit ihrer bewegten Geschichte, welche sich in den Eigenheiten zwar eher kleinerer doch äußerst qualitätvoller Instrumente niederschlug. Schon in seinem Eröffnungsvortrag beeindruckte Gero Kaleschke mit scheinbar unerschöpflichem Wissensfundus über Zusammenhänge und Details. Bei zwei nachmittäglichen Exkursionen zu insgesamt 7 historischen Orgeln der Region bewies er sich dann als sicherer Führer und übernahm z. T. selbst die klangliche Vorstellung.

Den zweiten Tagungsaspekt riss Christoph Keggenhoff in seinem einleitenden Vortrag unter dem leidenschaftlichen Motto ‚Wer hören will, muss fühlen’ an. Eine ganze Reihe von Fachvorträgen befasste sich in unterschiedlicher Herangehensweise mit der Frage, inwieweit der Klangeindruck einer Orgel objektiv fassbar, beschreibbar und vermittelbar ist. Ein spannendes Thema für den Orgelbauer, sieht er das Ergebnis seines klanglichen Schaffens doch häufig in differenter, wenn nicht gegensätzlicher Beurteilung. Der Orgelsachverständige wiederum hat in Ausübung seines Amtes tagtäglich klangliche Beurteilungen vorzunehmen, wobei die hier in Frage stehende Objektivität schlichtweg vorausgesetzt wird. Grund genug für beide Seiten, sich gemeinsam damit zu beschäftigen, und wie sich zeigen wird, gewiss nicht abschließend.

Der Bund Deutscher Orgelbaumeister steuerte seinen Beitrag durch die Organisation von Intonations-Workshops/Vorträgen bei. 6 versierte Intonateure behandelten je ein Detailthema – von der Zungenintonation über klassische Labiale bis zur Umintonation von Pfeifen – und stellten dies auch praktisch anhand mitgebrachten Pfeifenmaterials unter Zuhilfenahme von Intonierladen vor, die von der Oscar-Walcker-Schule, Ludwigsburg, freundlicherweise zur Verfügung gestellt worden waren. Dank rollierendem System war es den Teilnehmern möglich, drei dieser Workshops von einer knappen Stunde hintereinander zu besuchen, was nicht nur den ‚Dozenten’ in ihrer ungeübten Rolle einige Anstrengung abforderte. Dieses Angebot fand besonders im Kreis der Orgelsachverständigen guten Zuspruch. Aber auch die Orgelbauerkollegen nahmen manche Anregung mit, wie es sich nicht zuletzt im Gesprächsstoff abendlicher Runden zeigte.

Manchem bot der die Grundlagen behandelnde Vortrag von Prof. Dr. Dieter Braun von der Fachhochschule Düsseldorf eine Kernaussage. Als Akustiker mit breit gefächertem Hintergrund stellte er für den Vorgang des Hörens die Bedeutung der 3 ‚p’ heraus – physikalisch, physiologisch, psychologisch. Verkürzt dargestellt findet in unserem Gehirn nicht nur die Verarbeitung von Klangeindrücken und deren Beurteilung statt, sondern bereits ein Großteil des Hörens selbst. Experimentelle Beispiele führten den Zuhörern drastisch vor Augen, wie problematisch der Gebrauch des Begriffs objektiv schon in diesem Zusammenhang ist.
Überraschend war diese Aussage nicht. Den Beleg lieferten gleich danach Gespräche und Kommentare bei den Exkursionen, wenn etwa von Hand alimentierte Orgelklänge mit ‚einfach jämmerlich’ bis ‚aufregend schön authentisch’ apostrophiert wurden oder ein rekonstruiertes Streicherregister einige Zuhörer in Begeisterung versetzte, während andere meinten, dass dessen Intonation noch der Fertigstellung bedürfe. Wohlbemerkt: Kommentare mit dem Anspruch fachlicher Fundierung!

Kallstadt, ev., St. Salvator, Geib 1775

Freinsheim, kath. St. Peter & Paul, Seuffert 1825

Dackenheim, ev., Walcker 1875

Interessierte Zuhörer in Mühlheim/Eis, ev., Stumm 1738

Tagungsleitung und Transportmittel (Kuckucksbähnel in Neustadt/Wstr.)

Lambrecht, ev., Geib 1777

Elmstein, kath., Mariä Heimsuchung, Schlimbach 1887

Kirrweiler, kath., Hl. Kreuzerhöhung, Seuffert 1809, Mahler 1998

Orgelsachverständige und Orgelbauer in der Krypta des Doms zu Speyer
Speyer, Domkirche St. Maria u. St. Stephan, Chororgel (Seifert 2008)

Ein Höhepunkt der Tagung war die Führung im Dom zu Speyer. Frau Dr. Andrea Nisters gab einen Abriss über die wechselvolle Geschichte des imposanten romanischen Bauwerks und heutigen UNESCO-Weltkulturerbes. Sie führte in die einzigartige Krypta und zu den Kaisergräbern der Salier, verwies auf die Raumdimensionen mit über 100 m Länge und 33 m Höhe des Mittelschiffs und gab Erläuterungen zu früheren Ausstattungen, von denen u. a. noch die berühmten Schraudolph-Fresken des 19. Jahrhunderts zeugen. Es konnte nicht anders sein, dass die Blicke dabei schon zur am 22.11.2008 eingeweihten neuen Chororgel des Doms abschweiften, deren konzertante Vorstellung Domkantor Keggenhoff der Führung folgen ließ. Die Orgel der Fa. Romanus Seifert darf sicher in jeder Hinsicht als gelungenes Beispiel zeitgenössischen Orgelbauens bezeichnet werden.

Die getrennt abgehaltenen Mitgliederversammlungen des BDO und VOD in den Räumen des Bistumshauses St. Ludwig, das sich übrigens als glücklicher Griff bezüglich Unterbringung, Versorgung und zur Abhaltung der verschiedenen Veranstaltungen erwies, läuteten das Tagungsende ein.

Podiumsdiskussion zum Tagungsabschluss

Der abschließenden gemeinsamen Podiumsdiskussion ging die überraschende Nachricht des Wechsels im Vorstand des VOD voraus; an die Stelle des Vorsitzenden Dr. Martin Kares trat Christoph Keggenhoff.

BDO-Mitgliederversammlung 2009

Mitgliederversammlung des BDO 2009

Die Statements selbst hoben die Wichtigkeit größtmöglicher Objektivität beim Hören und Beurteilen von Orgelklängen hervor, verwiesen aber auch auf die Grenzen. Die Gattung Pfeifenorgel tritt in einer Vielfalt auf, die keinem anderen Instrument zu eigen ist. Normierungen und Klassifizierungen haben es deshalb schwer, geben sie doch oftmals größeren Einblick in die Erwartungshaltung und Person des Beurteilenden, als dass sie objektive Kriterien herausstellen.
Ein Fazit beinhalteten verschiedene Vorträge und ging aus Wortmeldungen immer wieder hervor: Orgelklänge, ob als Intention oder im wie auch immer gearteten Zusammenhang, erfordern von den Beteiligten die Bereitschaft zum offenen Gespräch auf gleicher Augenhöhe. Das ist oft nicht einfach, fehlt es doch mitunter schon an der einheitlichen Nomenklatur. Wo diese Verständigung jedoch gelingt, ist man auf dem bestmöglichen Weg und dem gemeinsamen Ziel schon ein gutes Stück näher.

Sich mit dieser Thematik einmal unter Fachleuten in ungezwungener Atmosphäre und bei anregender Programmfolge zu befassen, war nach einhelliger Meinung der Tagungsteilnehmer ein Gewinn, weshalb man mit dem ganz herzlichen Dank an die Organisatoren schloss.

Für Unentwegte stand noch der Besuch bei den profanen Schwesterinstrumenten an: Reiche Impressionen hat das Technikmuseum Speyer mit der Musikinstrumentensammlung im Wilhelmsbau und der Welte-Orgel in der Liller Halle zu bieten.

Bericht: Peter Mönch
Fotos: Thomas Jann